15. Tag: Das Gute sehen und es würdigen

Ein Tag voller Widersprüchen neigt sich dem Ende zu. Es ist der letzte Abend meiner Radreise. Morgen bin ich in Matera. Nicht mein ursprüngliche Ziel, aber es spürt sich richtig an, in der europäischen Kulturhauptstadt von 2019 meine Riese zu beenden. Wer weiß, vielleicht überkommt es mich ja doch und ich fahre die fehlenden 100 km nach Kalabrien.

War ich gestern schockiert und traurig bin ich heute wütend. Apulien ist eine einzige Müllhalde. Wie kann man das eigene Lebensumfeld so zerstören? Es ist für mich unfassbar.

Ich fahre durch trostlose und unbewohnte Landschaften. Auf den Feldern werden in regelmäßigen Abständen Abfälle verbrannt. Überall finden sich Stellen, wo der Müll zu Flurbränden führt. Auch werden (kleinere) Brände gelegt, um mehr Ackerflächen zu gewinnen. Dabei hat es heute über 34 Grad. Warum es im Süden Italiens zu Brandkatastrophen kommt, wundert mich nicht.

In der Hafenstadt Barletta, einer der wichtigsten Ausgangspunkte der Kreuzzüge im Mittelalter, sind die Strände durch starke Stürme leergefegt. Die letzten Strandnutzer*innen verlassen in großer Eile den städtischen Strand. Gewitter ziehen auf. Ich kämpfe gegen den Sand an und entscheide mich den direkten Weg nach Trani, meinem heutigen Zielort, zu nehmen.

Trani ist das totale Kontrastprogramm zur heutigen Etappe. Die Stadt ist Mitglied der Cittàslow, eines 1999 in Italien gegründeten internationalen Netzwerks von Kommunen. Ziel ist Entschleunigung und Erhöhung der Lebensqualität in Städten durch Umweltpolitik, Infrastrukturpolitik, urbane Qualität, Aufwertung der einheimischen Erzeugnisse, Gastfreundschaft und ökologischem Bewusstsein.

Imposant ist die Kathedrale von Trani. Der Bau ist eine Doppelkirche. Unter der Oberkirche, die gerade renoviert wird, befindet sich eine Unterkirche und eine Hallenkrypta. Die Kathedrale gilt als eine bedeutendsten Normannenkirchen Apuliens. Trani selbst war ab 1073 Teil des Normannenreichs.

Beim Schreiben dieser Zeilen kommt mir ein Liedtext von Hannes Wader in den Sinn. In seinem Lied „Schon so lang“ heißt es:

Nicht nur Greuel geschehn,
Schon so lang.
Hab die Liebe gesehn,
Schon so lang

Seh die Hoffnung, den Mut,
Seh den Glauben, die Glut
und was sich in Gesichtern von Kindern tut,
Schon so lang“.

Gerade an so einem Tag, ist es wichtig am Ende das Gute zu sehen und es auch zu würdigen.

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