
Heftige Donnerschläge reißen mich aus meinem Erholungsschlaf. Ich liege in meinem Hotelzimmer in Foggia und es gewittert gewaltig. „Nur“ knapp 78 km lang war meine heutige Etappe, die ich mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 24 km/h gefahren bin. Dementsprechend früh konnte ich mein heutiges Quartier beziehen. Froh bin ich, dem Gewitter entkommen zu sein.

Foggia liegt in der Region Apulien und ist Hauptstadt der gleichnamigen Provinz. Die Fahrt durch das Landesinnere von Apulien zeigt jedoch deutlich die „Kehrseite“ des Radreisens. Man kann sich dem Elend eines Landes nicht entziehen und sieht das, was man als „normale“ Tourist*in nicht sehen möchte.
Unmittelbar nach der Grenze zu Apulien sieht man die ersten illegalen Sexarbeiterinnen am Straßenrand der Via Adriatica auf Campingstühlen sitzen. Oft auch mitten im Müll, was den Anblick noch schlimmer macht.
Ein Motorradfahrer überholt mich. Fünf Minuten später sehe ich den Motorroller geparkt bei einem der offensichtlich genutzten Campingstühlen vor einem verlassenen Haus. Niemand ist zu sehen.
Es sind vor allem illegale Einwanderinnen aus dem Balkan, die von der apulischen Mafia zur Sexarbeit gezwungen werden.

Apulien ist vor allem agrarisch geprägt. Auffallend sind die riesengroßen Anbaufelder, die auch von der SS 16 zu sehen sind. Um diese zu bearbeiten, werden vor allem Geflüchtete und Migrant*innen, oft illegal, herangezogen. Vor der Corona-Krise betrug der „Lohn“ für Erntehelfer*innen 1 Euro für 100 Kilo geerntete Tomaten. Die Arbeitsbedingungen sind schrecklich.
Was ebenfalls ins Auge sticht ist der Müll. Kurz vor der Stadt San Severo führt mich mein Navi abseits der SS 16 auf einer kleinen Straße. Ich bin schockiert. Ich fahre mindestens 100 Meter durch einen illegale Mülldeponie, die Straße habe ich dabei nicht verlassen. Nach einer weiteren Kurve das gleiche Bild. Nur 1 km später erreiche ich den Stadtrand von San Severo. In Italien heißt es, wo der Müll ist, ist die Mafia nicht weit.
Der respektlose und zerstörerische Umgang mit der Natur ist offensichtlich. Überall findet sich auch „normaler“ Müll am Straßenrand, achtlos weggeworfen, meist aus dem fahrenden Auto. Gefährlich auch für mich als Radfahrer, denn ich muss darauf achten, nicht dauernd durch Glasscherben zu fahren.
Die Zeilen machen mich traurig. Ich merke, wie sehr mir die Bilder meiner heutigen Fahrt nahe gehen. Vor vier Jahren habe ich auf meiner Fahrt nach Apulien Ähnliches gesehen und erlebt, wobei ich den Eindruck habe, dass es noch viel schlimmer geworden ist. Ich frage mich, ob wir tatsächlich so leben wollen!?!
„Wir können keine Zukunft sehen, wir können keine Utopie finden“, beschreibt Michael Ende, Autor der Unendlichen Geschichte und Momo, Anfang der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts das dringendste Problem seiner Zeit. Als „Therapie“ hält er folgenden Satz entgegen:
„Mir scheint es lebensnotwendig, überlebensnotwendig, dass man sich – sei es politisch, sei es im kulturellen, sei es auf wirtschaftlichem Gebiet – ein positives Bild von der Welt machen kann, in der man leben möchte“.
Dem ist auch 40 Jahre später nichts hinzuzufügen.
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