Eine (un)freiwillige Pause und zwei Fragen

Angesichts des gestriges Schreckens lege ich heute eine (un)freiwillige Pause ein. Der Himmel bis weit in den Süden ist dunkelschwarz. Aus der Ferne ist Donner zu hören und zahlreiche Blitze zu beobachten. Kurz bevor ich meine heutige 114km Etappe starten möchte beginnt es heftig zu schütten. Ich entscheide nicht loszufahren.

Ich verbringe den heutigen Tag mit einer Biografie des schottischen Königs Robert I, genannt Robert the Bruce – einer der bedeutendsten Herrscher Schottlands im Mittelalter und Nationalheld im Befreiungskampf gegen England. Sein Leben war dadurch bestimmt, die schottischen Königswürde zu erlangen. Dafür nahm er den Tod und die Verschleppung seiner Familie, den Bruch mit seinem Vater, Leid, Verrat und ein Leben auf der Flucht in Kauf, um schließlich 23 Jahre, die meiste Zeit im Krieg gegen England, zu herrschen.

Mir kommt dazu eine Stelle von Ernesto Cardinals „Das Buch von der Liebe“ in den Sinn: „In den Augen aller Menschen wohnt eine unstillbare Sehnsucht. In den Pupillen der Menschen aller Rassen, in den Blicken der Kinder und Greise, der Mütter und liebenden Frauen, in den Augen des Polizisten und des Angestellten, des Abenteurers und des Mörders, des Revolutionärs und des Diktators und in denen des Heiligen: In allen wohnt der gleiche Funke unstillbaren Verlangens, das gleiche heimliche Feuer, der gleiche tiefe Abgrund, der gleiche unendliche Durst nach Glück und Freude und Besitz ohne Ende“.

Für den Priester-Poeten und Revolutionär ist dieser Durst die Suche und der Sehnsucht nach der Liebe Gottes, wobei das Wort „Gott“ für mich als Synonym für den Urgrund unseres Lebens und dem Wunsch nach der bedingungslosen Liebe steht. Mit den tradierten Vorstellungen von Gott kann ich immer weniger anfangen.

„Um dieser Liebe willen werden alle Verbrechen begangen und alle Kriege gekämpft, ihretwegen lieben und hassen sich die Menschen. Um dieser Liebe willen werden Berge bestiegen und die Tiefen der Meere erforscht, für sie wird geherrscht und intrigiert, gebaut und geschrieben, gesungen, geweint und geliebt“, schreibt Cardenal.

Alles menschliche Tun ist Suche nach dieser Liebe. Ernesto Cardenal zitiert den heiligen Augustinus: „Suche, was du suchst, aber nicht dort, wo du es suchst.“

Die Frage nach dem „richtigen“ Ort der Suche vermischt sich mit meinen Gedanke, wie ich in dieser immer chaotischen Welt leben möchte. Eine zutiefst persönliche wie auch politisch brisante Frage. Es ist unsere Existenz im Hier und Jetzt die nicht nur unweigerlich Fragen aufwirft, sondern auch Antworten einfordert.

„Es kommt nie und nimmer darauf an, was wir vom Leben zu erwarten haben, vielmehr lediglich darauf: was das Leben von uns erwartet“, sagt Viktor Frankl.

Es bleiben zwei Fragen:

Wo suche ich? Was erwartet das Leben von mir?

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